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DIE
ZEIT (Germany)
23 Dezember 2002
Die
grosse Führungskrise
Führungskrise in Deutschland
Starmanager
adieu: Die Führungskräfte von morgen lernen Demut und Respekt vor den
anderen – so jedenfalls die Idee
Von
Kolja Rudzio
Schritt
für Schritt versinkt Daniela Matson tiefer im kalten Schlammwasser, bis
nur noch ihr Helm zu sehen ist. Schnell soll die Studentin durch den flüssigen
Morast waten, aber auch lautlos, denn der Feind darf sie nicht hören. So
lauten die Spielregeln auf dem Übungsplatz der Marines, einer
Eliteeinheit des amerikanischen Militärs. Und so will die Wharton School
in Philadelphia, eine renommierte Wirtschaftsschule, ihren Studenten Führungsqualitäten
beibringen. „Führungsabenteuer“ heißt das Programm, bei dem sich 80
künftige Master of Business Administration (MBA) zwei Tage lang anbrüllen
und schinden lassen wie im Film. „Es ist eine gute Erfahrung, einmal mit
dem Gesicht im Schlamm zu liegen“, sagt Whartons Dekan Patrick Harker.
Viele
Topmanager würden das bestreiten. Selten sind so viele Stars so tief
gefallen wie in diesem Jahr – die Führungselite hat ein wahres
Schlammbad hinter sich. Und auf ihre Weise sorgten nicht zuletzt einige
unsolide und dennoch lange umjubelten Aufsteiger wie Enron-Chef Jeffrey
Skilling oder seine Genossen im Geiste bei Worldcom und Comroad dafür,
dass sich die Business-Klasse mit allem anderen als Ruhm bekleckert hat.
Das Konzept Führung
selbst ist in die Krise geraten, irgendetwas müssen diese Eliten falsch
gemacht haben. „In den neunziger Jahren waren alle auf den
charismatischen Starmanager fixiert, und es hieß, Gier sei gut“, meint
Michael Useem, Direktor des Wharton Center for Leadership and Change
Management. „Dieses Konzept müssen wir ändern.“ Auch wenn jeder Fall
anders liegt – die Frage, wie Wirtschaftsführer geprägt werden, ist
aktueller denn je. Universitäten bauen ihre Lehrpläne um, Unternehmen
investieren Millionen in neue Instrumente, um die Führungsleistungen
ihrer Manager zu prüfen und zu verbessern. Führung wird als Faktor
erkannt, der eine Firma zum Gewinner machen oder sie vernichten kann.
Doch in
Deutschland ist der Begriff immer noch historisch belastet. Oft wird ihm
mit Skepsis begegnet: Führung, Führer – brauchen wir das? Studien
zeigen regelmäßig: Ja, genau darauf kommt es an. Schon 1999 befand die
Gallup Organization in einer aufsehenerregenden Studie, alles hänge davon
ab, wie Vorgesetzte auf allen Ebenen ihre Mitarbeiter einsetzen,
motivieren, fördern – kurz: wie sie führen.
Gerade in
dieser Disziplin sind deutsche Manager schwach. „Das Führungspersonal
ist nicht richtig qualifiziert“, sagt Hans-Olaf Henkel, der ehemalige
Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Eine Studie des Vereins
Deutscher Ingenieure, die Henkel als Schirmherr begleitete, zeigte Anfang
Dezember: Viele Manager beherrschen zwar die Technik, doch der Erfolg
ihres Unternehmens hängt von ihren Sozialkompetenzen ab. Mit Einfühlungsvermögen,
Kommunikationstalent und anderen Soft Skills tun sich die
hiesigen Manager aber schwer, die meist durch ein zahlenfixiertes Studium
geprägt sind, eine Wirtschafts- oder Naturwissenschaft.
Auf den
ersten Blick scheint Führen einfach zu sein: Es geht schlicht darum,
andere dazu zu bewegen, im Sinne der Firma zu arbeiten. Das kann geschehen,
indem der Chef seinen Untergebenen genau vorschreibt, was wie zu erledigen
ist, indem er nur Ziele vorgibt oder aber Eigeninitiative und Kreativität
fördert.
„Alle
Varianten kommen vor“, sagt Jürgen Weber, Professor an der
Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) bei Koblenz.
Selbst den Kontrollfetischisten, der über jeden Handschlag in seinem
Betrieb bestimmen will, „finden Sie in mittelständischen Unternehmen
noch oft“. Gefragt sei heute aber der Motivierer: „So wie ein Gärtner
seine Pflanzen gießt, ihnen Dünger gibt und hie und da mal einen Stock
anbringt, an dem sie emporranken können.“
Wie immer man
Führung definiert – die Anforderungen an den Chef stecken voller
Widersprüche. Nur ein Fabelwesen kann sie alle erfüllen. Durchsetzungsfähig
wie ein Bulle soll ein Manager sein, um an den Zielen, die er als richtig
erkannt hat, festzuhalten, auch wenn sie dem Zeitgeist oder einer Lobby im
Unternehmen zuwiderlaufen. Anschmiegsam wie ein Reh muss er sein, um sich
den Sorgen und Wünschen seiner Mitarbeiter zu öffnen, ihnen zuzuhören,
sie gewähren zu lassen. Mal wird Leidenschaft verlangt, dann wieder
analytische Kühle, mal Zähigkeit und Ehrgeiz, dann Bescheidenheit und
Anpassungsfähigkeit. Martin Hilb, Direktor des Instituts für Führung
und Personalmanagement an der Universität Sankt Gallen, fasst das angelsächsisch
zusammen: „a cool head, a warm heart and working hands“.
Hübsch
gesagt. Aber wie um alles in der Welt soll man das lernen? Wird am Ende
doch bloß der geniale Starmanager gesucht?
„Als Mutter
sehe ich schon im Kindergarten Führungspersönlichkeiten“, sagt Birgit
König, Partnerin in der Unternehmensberatung McKinsey. „Doch Führungskräfte
müssen auch mit den notwendigen Werkzeugen vertraut sein und sollten
viele Erfahrungen gesammelt haben.“ Talent ist wichtig, und doch muss
man führen lernen – wie Klavier spielen.
„Führung
muss man erfahren“, sagt Michael Useem und deutet auf ein Foto an der
Wand seines Büros in der Wharton School. Darauf ist der Professor mit
seinen Studenten zu sehen – auf dem schneebedeckten Gipfel des 5897
Meter hohen Cotopaxi in den Anden. Wharton, laut Rangliste der Financial
Times derzeit die beste Business-School der Welt, schickt ihre Zöglinge
auf Berge, zu Feuerwehrleuten nach Montana oder in die Matschlöcher der
U. S. Army. Zweck der Übung: Die Studenten sollen lernen, mit Niederlagen
fertig zu werden, im Team und unter Stress zu handeln.
„Du wirst
pausenlos angebrüllt, es ist kalt, du bist von Schlamm durchnässt und
bekommst Aufgaben, die du unmöglich schaffen kannst“, beschreibt
MBA-Student Mark Abramovich den Schliff bei den Elitesoldaten der Marines.
Zum Einzeldrill kommen Teamübungen. „Die feindliche Artillerie hat eine
Brücke zerschossen“, heißt es etwa, „und auf der anderen Seite
dieses Flusses liegt ein Verletzter, den ihr retten müsst.“ Zehn
Minuten Zeit bekommen sechs Studenten, dazu ein paar (zu kurze) Bretter,
Kanister, etwas Draht. Fast alle Teams scheitern. Doch das Wichtigste ist
das debriefing, die gemeinsame Reflexion: Wo wurde zu lange
diskutiert, wo zu kurz? Haben alle mitgezogen? Wie kamen die
Entscheidungen zustande?
Nicht Befehl
und Gehorsam sollen geübt werden, sondern Teamwork. „Ein Gesetz der
Marines heißt: Der Offizier isst zuletzt“, sagt Professor Useem.
„Seine Aufgabe ist es, sich um seine Soldaten zu kümmern, ihre Talente
zum Einsatz zu bringen und ihren Rat einzuholen.“ Das kommt dem Führungskonzept
nahe, das bei Wharton gepredigt wird. Wen immer man dort fragt, die
Antwort ist die gleiche. Führer müssten heute vor allem eines sein: humble
– bescheiden, demütig, Diener ihres Teams. Vom „Star-CEO“, dem
Chief Executive Officer, dem alle zu Füßen liegen, ist keine Rede mehr.
Auf Useems
Tisch liegt das Buch des Kollegen Rakesh Khurana von der Harvard Business
School: Searching for the Corporate Savior („Auf der Suche nach
dem Unternehmensretter“). Das im Oktober erschienene Werk trifft den
Zeitgeist: Umjubelte Spitzenmanager, so schreibt der Dozent für
Organisationsverhalten, würden hoffnungslos überschätzt. Ein Beleg:
Wechseln solche überlebensgroßen Führungspersönlichkeiten an die
Spitze eines anderen Unternehmens, dann versagen ihre vermeintlichen
Wunderkräfte oft. Umgekehrt, so schreibt James Collins in einem ähnlich
viel zitierten Buch (Good to Great), zeichnen sich erfolgreiche
Unternehmen durch Chefs aus, die bescheiden sind, eher introvertiert, aber
willensstark. Allerorten wird nun die neue Bescheidenheit entdeckt: Jüngst
kürte das manager magazin BASF-Chef Jürgen Strube zum
„Manager des Jahres“ in Deutschland – er brilliere als „Unternehmensführer
der ruhigen Art“.
Die Botschaft
ist klar, für die ausbildenden Schulen aber ein Problem. Wie sollen sie
ihren Studenten, die bis zu 100000 Dollar für ihren Master-Titel bezahlen,
Bescheidenheit beibringen? Ihre Absolventen werden von allen namhaften
Konzernen umworben, auch deutsche Global Player wie Bertelsmann,
DaimlerChrysler oder die Deutsche Bank füttern das Ego der Nachwuchsstars.
Aufgabe:
Den Frieden erhalten
Man darf
bezweifeln, dass ein Ausflug zu den Baracken der Marines genügt, um die
Überflieger auf dem Boden zu halten. Dennoch ist Lernen durch Erfahrung
im Kommen. Die Robert H. Smith School of Business an der Universität von
Maryland schickt ihre Studenten für einen Tag ins Prison Camp in
Montgomery – zum Gespräch mit dort einsitzenden Exmanagern. Beth
Benjamin, Forschungsdirektorin an der Stanford University, will einen
simulierten Einsatz zur Friedenserhaltung in den neuen Führungslehrplan
aufnehmen. Dafür sollen die Studenten ins War Lab der Armee.
Kritiker
halten das für edutainmant. Und tatsächlich dienen solche
Aktionen auch dem Marketing. Dennoch bemüht sich Wharton mit allen
Mitteln, die Studenten zu teamfähigen Führern auszubilden, die nicht
sich selbst in den Mittelpunkt des Universums stellen. Alle Studienanfänger
müssen in einer Gruppe aus fünf bis sechs Kommilitonen Hausarbeiten
schreiben. Teams organisieren Studentenclubs und internationale
Konferenzen oder veranstalten ein Kinderfest im Philadelphia Zoo. Regelmäßig
sprechen die Gruppen mit Professoren und Kommilitonen über ihre
Erfahrungen. Zu etwa einem Viertel, schätzt Dekan Harker, bestehen selbst
die Abschlussnoten aus Teambeurteilungen.
Andere
Schulen wollen die neue Botschaft mit den alten Methoden verbreiten:
Fallstudien, von denen MBA-Studenten Hunderte bearbeiten müssen. „Wir
sind dabei, neue Fälle zu Enron und Worldcom zu schreiben“, berichtet
Ralph Biggadike. Der Professor für Management an der Columbia Business
School in New York überarbeitet wegen Enron den Lehrplan. Künftig soll
im Kurs über Rechnungswesen über ethische Fragen der Bilanzierung
diskutiert oder im Finanzseminar über kurzfristiges Profitdenken
reflektiert werden. „Zu den wichtigsten Führungsaufgaben gehört es,
Werte zu setzen“, sagt Biggadike. Darüber müsse man sprechen.
Langfristig geprägte Wertvorstellungen ließen sich aber kaum verändern.
Auf seinen schwarzen Manschettenknöpfen prangen zwei goldene Symbole:
rechts das Pfundzeichen, links das Dollarzeichen.
Business-Schools
mit ihren teuren Studiengängen sind eine Welt für sich. In Deutschland
überwiegt dagegen das Diplomstudium zum Betriebswirt. Führung wird dort
bislang höchstens theoretisch behandelt. Indes: Die Uni München zum
Beispiel bemüht sich um Praxis. Studenten beraten dort die Firma Bosch.
„Da werden dann schon soziale Kompetenzen virulent“, berichtet Werner
Kirsch, Professor am Seminar für strategische Unternehmensführung.
„Man lernt das Problem der Trittbrettfahrer kennen und entdeckt die
vielfältigen Eigeninteressen innerhalb eines Unternehmens.“ Allerdings:
Einen Kurs, in dem die Teamarbeit reflektiert wird, gibt es nicht. „Das
ist gescheitert“, sagt Kirsch, „denn der Zeitaufwand für die
Studenten ist im Verhältnis zu den Leistungspunkten, die sie für dieses
Projekt bekommen, schon sehr hoch.“ Und: Nur ein Dutzend von 3000
BWL-Studenten können mitmachen. „Wir sind aber dabei, einen elitären
MBA-Studiengang vorzubereiten“, sagt Kirsch.
Das Elend der
Unis ist unübersehbar. „An deutschen Hochschulen müsste der Unterricht
in Kommunikation, Ethik und Persönlichkeitsbildung intensiviert werden“,
meint Detlef Hunsdiek, Personalchef bei Bertelsmann. „Die klassischen
Business-Schools bilden da viel umfassender aus.“ Auch von dort kämen
aber keine fertigen Führungskräfte. Deshalb versuchen große Unternehmen
selbst, ihre Manager zu formen. Bertelsmann organisiert zusammen mit
Harvard Workshops und Seminare.
Eine
Soziologin für die Chefs
Doch das
wichtigste ist die Praxis. Und: „Feedback ist wesentlich“, so Udo
Dierk, Leiter Management Learning bei Siemens. In diesem Jahr hat Siemens
erstmals die Untergebenen von mehr als 3000 weltweiten Führungskräften
per anonymen Fragebogen aufgefordert, ihre Vorgesetzten zu beurteilen. Mit
zehn Fragen wie „Gibt mir meine Führungskraft hilfreiche Rückmeldungen?“
sollen die Chefs geprüft werden. Wer an einem speziellen Programm
teilnimmt, kann sich noch gründlicher durchleuchten lassen. Bei dem so
genannten 360-Grad-Feedback ist der Fragebogen umfangreicher, und es
werden auch Kollegen und Vorgesetzte um ein Urteil gebeten. „Vor allem jüngere
Manager schätzen das“, beobachtet Christoph Sanne, Leiter der
Personalentwicklung Deutschland.
Die meisten
älteren Führungskräfte halten das für „Kokolores“. Topmanager
besuchen auch kaum Schulungen, weil sie fürchten, sich Blößen zu geben.
Tief im Unterbewusstsein steckt die Vorstellung vom omnipotenten Supermann.
Um aber auch die oberste Führungsriege zu erreichen, bieten Großunternehmen
den maßgeschneiderten Trainer an, den Coach. Volkswagen gründete 1995
eine eigene Coaching GmbH, die fast allen 300 Topmanagern schon einen
Trainer an die Seite gestellt hat.
„Früher
musste das heimlich geschehen, da zog man sich diskret in ein Hotel zurück
und passte auf, dass die Rechnung nicht normal durch die Buchhaltung geht“,
sagt Dorothee Echter, die als Coach unter anderem für VW, BASF und BMW
arbeitet. Erst seit fünf, sechs Jahren sei es nicht mehr peinlich, einen
Trainer „zu brauchen“. Und jetzt werde der Coach gar zum Statussymbol.
Die 53-jährige Soziologin, die selbst 22 Jahre als Managerin gearbeitet
hat, berät ausschließlich Spitzenkräfte. Meist gilt es, ein konkretes
Problem zu lösen – ob nun ein Vorstand Unterstützung für eine Übernahme
mobilisieren will oder eine wichtige Stelle neu zu besetzen hat.
Dorothee
Echter trifft sich dann fünf- bis sechsmal zu Gesprächen mit ihrem
Klienten – für rund 2000 Euro pro Sitzung. Sie lässt ihr Gegenüber
erzählen, hakt nach: „Warum zögern Sie, wenn Sie diesen Kollegen
beschreiben?“ Ihre wichtigste Aufgabe sei es, die Intuition zu wecken.
„Im Topmanagement geht es heute nur um Emotion“, sagt die Beraterin,
„obwohl man darüber natürlich nicht direkt spricht.“ Manchmal
schreibt sie mit ihrem Klienten Namen auf Zettel, zeichnet farbige Linien,
markiert, wer mit wem konkurriert, wer sich stützt oder wo ein Außenseiter
sitzt. Das Soziogramm soll aufdecken, wo sich Koalitionen bilden lassen,
Konflikte nutzen oder Loyalität fördern. Um sich der eigenen „Gefühlslandkarte“
bewusst zu werden, empfiehlt Echter zudem Meditation, ein Tagebuch, Gespräche
mit Künstlern und Kindern.
Spitzenmanager
sollen von Kindern lernen? Vom Bild des allmächtigen, erleuchteten
Unternehmenslenkers blebit da nicht viel übrig. Offenbar kann man sich
einen Führungsstil auf höchst unterschiedliche Art und Weise aneignen.
Viel ist schon gewonnen, wenn Schulen, Universitäten und Unternehmen
erkennen, dass sich Führungsqualitäten entwickeln lassen und nicht vom
Himmel fallen. Auch wenn manche Lektion kaum programmierbar ist. Führungspersönlichkeiten
würden geprägt, wenn sie durch Krisen gehen, Hass und Ablehnung erfahren
oder das eigene Leben bedroht sehen. Das behaupteten jedenfalls die
amerikanischen Führungsforscher Warren Bennis und Robert Thomas jüngst
im Harvard Business Review. Die härteste Schule wäre demnach
weiterhin das richtige Leben.
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